Lange galten virtuelle Influencer als futuristische Marketing-Spielerei. Heute begegnen Nutzer ihnen immer häufiger in sozialen Netzwerken, Werbekampagnen und digitalen Markenwelten. Eine aktuelle Studie der Agenturgruppe pilot zeigt jedoch: Die eigentliche Veränderung liegt weniger in einer steigenden Begeisterung für KI-Influencer als in einem deutlich gewachsenen Bewusstsein für KI-generierte Inhalte.
Damit könnte die Debatte um virtuelle Persönlichkeiten in eine neue Phase eintreten. Die Frage ist nicht mehr, ob Menschen KI-Influencer erkennen können. Vielmehr geht es darum, unter welchen Bedingungen sie ihnen Aufmerksamkeit, Glaubwürdigkeit und letztlich Vertrauen schenken.
Das Bewusstsein für KI-Inhalte wächst deutlich
Noch vor wenigen Jahren hielten viele Menschen KI-generierte Personen für real. Inzwischen hat sich die Wahrnehmung deutlich verändert.
Laut der aktuellen pilot-radar-Studie hielten 2023 noch rund 60 Prozent der Befragten eine KI-generierte Person für einen echten Menschen. 2026 liegt dieser Wert nur noch bei etwa 23 Prozent. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Nutzer heute wesentlich sensibler auf künstlich erzeugte Inhalte reagieren und häufiger hinterfragen, ob eine Person tatsächlich existiert oder digital erschaffen wurde.
Das bedeutet allerdings nicht, dass KI-Inhalte seltener geworden wären. Im Gegenteil: Generative KI ist heute deutlich sichtbarer als noch vor wenigen Jahren. Bilder, Videos und virtuelle Persönlichkeiten gehören inzwischen zum Alltag vieler Social-Media-Plattformen. Parallel dazu wächst die Medienkompetenz der Nutzer, die zunehmend auf Kennzeichnungen, visuelle Auffälligkeiten und andere Hinweise achten.
KI-Influencer werden als eigene Kategorie wahrgenommen
Die Studie zeigt, dass virtuelle Influencer nicht mehr nur als technische Kuriosität betrachtet werden.
Rund die Hälfte der influencer-affinen Befragten kann sich vorstellen, dass KI-Influencer künftig einen ähnlich großen Einfluss entwickeln wie menschliche Creator. Das deutet darauf hin, dass digitale Persönlichkeiten zunehmend als eigenständige Akteure im Influencer-Ökosystem wahrgenommen werden.
Interessant ist dabei, dass Authentizität offenbar neu definiert wird. Während sie lange eng mit realen Personen verbunden war, scheint für viele Nutzer inzwischen wichtiger zu werden, ob Inhalte relevant, konsistent und glaubwürdig erscheinen – unabhängig davon, ob dahinter ein Mensch oder eine KI steht.
Akzeptanz hat klare Grenzen
Die Offenheit gegenüber KI-Influencern bedeutet jedoch nicht, dass sie in jedem Umfeld gleichermaßen akzeptiert werden.
Besonders positiv werden virtuelle Persönlichkeiten in Bereichen wie Unterhaltung, Gaming, Technologie oder Lifestyle wahrgenommen. Dort stehen Kreativität, Inszenierung und Unterhaltung im Vordergrund. Nutzer scheinen in diesen Kategorien eher bereit zu sein, digitale Charaktere als Teil des Erlebnisses zu akzeptieren.
Anders sieht es in sensibleren Themenfeldern aus. Bei Gesundheit, Politik oder persönlichen Lebensentscheidungen erwarten viele Menschen weiterhin menschliche Erfahrungen, Verantwortung und echte Glaubwürdigkeit. Hier stoßen KI-Influencer deutlich schneller an Akzeptanzgrenzen.
Für Marken ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Die Frage ist nicht, ob KI-Influencer funktionieren. Die entscheidende Frage lautet, in welchem Kontext sie funktionieren.
Vertrauen bleibt die wichtigste Währung
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung betrifft die Rolle von Vertrauen.
Die Studie zeigt, dass Reichweite allein immer weniger über den Erfolg von Influencer-Kampagnen entscheidet. Themenpassung, Glaubwürdigkeit und die Wahrnehmung innerhalb einer Community spielen eine wesentlich größere Rolle.
Für KI-Influencer bedeutet das vor allem eines: Transparenz wird zum Erfolgsfaktor. Nutzer reagieren deutlich positiver, wenn virtuelle Persönlichkeiten klar als KI gekennzeichnet sind. Werden künstliche Figuren dagegen als echte Menschen inszeniert oder wirken sie wie ein Täuschungsversuch, steigt die Skepsis.
Die Akzeptanz virtueller Influencer hängt deshalb weniger von ihrer technischen Perfektion ab als von der Frage, ob Nutzer ihre Rolle nachvollziehen und einordnen können.
Creator bleiben starke Kaufimpulse
Die Ergebnisse verdeutlichen zugleich, wie relevant Influencer-Marketing insgesamt geworden ist.
Rund die Hälfte aller Social-Media-Nutzer folgt mindestens einem Content Creator. Bei den 18- bis 29-Jährigen liegt dieser Anteil sogar bei etwa 85 Prozent.
Zwei Drittel der influencer-affinen Befragten wurden bereits durch Creator auf neue Produkte aufmerksam. Mehr als ein Drittel hat anschließend tatsächlich ein Produkt gekauft, meist nach zusätzlicher Recherche.
Diese Mechanismen erklären, warum Unternehmen zunehmend mit KI-generierten Persönlichkeiten experimentieren. Wenn virtuelle Influencer ähnliche Aufmerksamkeit erzeugen können wie menschliche Creator, eröffnet das neue Möglichkeiten für Markenkommunikation und Kampagnen.
Warum Unternehmen auf virtuelle Persönlichkeiten setzen
Aus Unternehmenssicht bieten KI-Influencer mehrere Vorteile.
Sie sind jederzeit verfügbar, können Inhalte in verschiedenen Sprachen produzieren und lassen sich präzise an Markenidentitäten anpassen. Kampagnen müssen nicht mit Terminplänen, Reisen oder persönlichen Kontroversen einzelner Influencer abgestimmt werden.
Zudem lassen sich Inhalte schneller erstellen und für unterschiedliche Zielgruppen individualisieren. Die Technologie entwickelt sich dabei rasant weiter. Was vor wenigen Jahren noch künstlich und experimentell wirkte, erscheint heute oft nahezu fotorealistisch.
Genau deshalb investieren immer mehr Unternehmen in digitale Markenbotschafter, virtuelle Avatare und KI-generierte Creator.
Die eigentliche Herausforderung ist gesellschaftlich
Trotz aller technologischen Fortschritte deutet die pilot-radar-Studie auf eine entscheidende Entwicklung hin.
Die größte Herausforderung für KI-Influencer ist nicht mehr die technische Qualität ihrer Inhalte. Bilder, Videos und digitale Persönlichkeiten werden kontinuierlich realistischer.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen vielmehr, ob Menschen ihnen vertrauen.
Nutzer bewerten virtuelle Influencer zunehmend nach denselben Kriterien wie menschliche Creator: Sind die Inhalte relevant? Passen sie zur Marke? Sind sie transparent? Und wirken sie glaubwürdig?
Genau dort entscheidet sich, ob KI-Influencer langfristig erfolgreich sein können.
Was Marken daraus lernen können
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Botschaft.
Der Erfolg virtueller Influencer wird nicht davon abhängen, wie realistisch sie aussehen. Entscheidend wird sein, ob sie glaubwürdig zum Markenbild passen, transparent eingesetzt werden und für ihre Zielgruppen einen echten Mehrwert schaffen.
Wer KI lediglich als günstigen Ersatz für menschliche Creator betrachtet, dürfte langfristig an Grenzen stoßen. Wer virtuelle Persönlichkeiten hingegen als neue Form digitaler Markenkommunikation versteht und Vertrauen konsequent in den Mittelpunkt stellt, könnte von einer Entwicklung profitieren, die gerade erst beginnt.
Die wichtigste Erkenntnis der Studie lautet deshalb nicht, dass KI-Influencer automatisch beliebter werden. Vielmehr lernen Nutzer zunehmend, mit KI-generierten Persönlichkeiten umzugehen und sie kritisch einzuordnen. Entscheidend bleiben dabei dieselben Faktoren, die schon immer über erfolgreiche Kommunikation entschieden haben: Vertrauen, Relevanz, Transparenz und Glaubwürdigkeit.

