Der Rechtsstreit zwischen Midjourney und den Hollywood-Studios Disney, Universal und Warner Bros. Discovery entwickelt sich zu weit mehr als einem klassischen Urheberrechtsverfahren. Während die Studios dem KI-Unternehmen vorwerfen, urheberrechtlich geschützte Figuren und Werke ohne Erlaubnis zum Training und für die Bildgenerierung genutzt zu haben, verfolgt Midjourney inzwischen eine bemerkenswerte Gegenstrategie: Das Unternehmen will die Studios dazu bringen, ihre eigene KI-Nutzung offenzulegen.
Damit könnte aus einem Verfahren über KI-Training ein Grundsatzprozess darüber werden, wie transparent Unternehmen künftig mit ihren eigenen KI-Systemen umgehen müssen.
Der Hintergrund des Rechtsstreits
Disney und Universal reichten ihre Klage gegen Midjourney im Juni 2025 ein. Später schloss sich auch Warner Bros. Discovery mit ähnlichen Vorwürfen an. Gemeinsam werfen die Studios Midjourney vor, urheberrechtlich geschützte Inhalte zum Training seiner Bildmodelle verwendet zu haben und Nutzern die Möglichkeit zu geben, Bilder zu erzeugen, die bekannten Figuren wie Darth Vader, Elsa, den Minions, Batman, Superman, Bugs Bunny oder Shrek sehr nahekommen.
Nach Auffassung der Studios verletzt Midjourney damit sowohl Urheberrechte als auch Markenrechte. Neben Schadensersatz fordern sie unter anderem Unterlassungsansprüche sowie detaillierte Auskünfte über Trainingsdaten und wirtschaftliche Erträge.
Der Fall gilt inzwischen als eines der bedeutendsten KI-Urheberrechtsverfahren weltweit.
Midjourneys Gegenoffensive
Anstatt sich ausschließlich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, verfolgt Midjourney inzwischen eine aktive Gegenstrategie.
Im Rahmen des sogenannten Discovery-Verfahrens – der Phase eines US-Zivilprozesses, in der beide Parteien Beweise und interne Dokumente austauschen müssen – fordert das Unternehmen umfangreiche Informationen über den KI-Einsatz der Studios.
Nach Ansicht von Midjourney sollen Disney, Universal und Warner Bros. offenlegen, welche generativen KI-Systeme sie selbst einsetzen, welche internen Richtlinien existieren, welche Forschungsprojekte verfolgt werden und welche Rolle KI bereits heute in Produktion, Entwicklung oder kreativen Prozessen spielt.
Damit verfolgt Midjourney mehrere Ziele gleichzeitig: juristisch, strategisch und kommunikativ.
Discovery wird zum eigentlichen Schauplatz
Das Discovery-Verfahren nimmt inzwischen eine Schlüsselrolle ein. Anders als in vielen europäischen Rechtssystemen können US-Gerichte Unternehmen verpflichten, umfangreiche interne Unterlagen offenzulegen, sofern sie für das Verfahren relevant sein könnten.
Genau hier setzt Midjourney an.
Das Unternehmen argumentiert, dass die eigene KI-Nutzung der Studios durchaus Bedeutung für den Prozess haben könne. Wenn die Filmkonzerne selbst intensiv mit generativer KI arbeiten oder vergleichbare Technologien entwickeln, könnte dies aus Sicht von Midjourney helfen, den technischen und wirtschaftlichen Kontext der Klage besser einzuordnen. Die Studios weisen diese Argumentation zurück und betonen, dass ihre internen KI-Projekte Geschäftsgeheimnisse seien und nichts mit den gegen Midjourney erhobenen Urheberrechtsvorwürfen zu tun hätten.
Das Gericht hat Midjourney zunächst ausgebremst
Bislang hatte Midjourney mit dieser Strategie nur begrenzten Erfolg.
Ein US-Magistratsrichter schränkte den Umfang der verlangten Offenlegung deutlich ein. Nach der bisherigen Entscheidung müssen die Studios lediglich Informationen über KI-Anwendungen herausgeben, die gegenüber Verbrauchern sichtbar sind. Interne Forschungsprojekte, Entwicklungsunterlagen oder technische Details ihrer KI-Strategien bleiben zunächst außen vor.
Midjourney akzeptiert diese Entscheidung jedoch nicht und hat beantragt, die Einschränkungen durch den zuständigen Bundesrichter überprüfen zu lassen. Ziel ist weiterhin ein deutlich umfassenderer Zugang zu internen KI-Dokumenten.
Ob das Gericht diesem Antrag folgen wird, ist derzeit noch offen.
Warum Midjourney diese Informationen haben möchte
Die Strategie ist vielschichtig.
Zum einen könnte Midjourney aufzeigen wollen, wie intensiv große Medienunternehmen selbst bereits mit generativer KI arbeiten. Das würde die Urheberrechtsvorwürfe nicht automatisch entkräften, könnte aber die öffentliche Debatte über den Umgang der Kreativbranche mit KI verändern.
Zum anderen könnten interne Dokumente wertvolle Hinweise darauf liefern, wie die Studios selbst Fragen rund um Trainingsdaten, Urheberrecht, Modellentwicklung oder KI-Governance bewerten. Solche Informationen könnten für Midjourneys Verteidigung durchaus hilfreich sein.
Nicht zuletzt erhöht Discovery den Druck auf die Kläger. Wer andere wegen ihrer KI-Praxis verklagt, muss unter Umständen selbst offenlegen, wie die eigenen KI-Systeme eingesetzt werden.
Mehr als nur ein Streit über Bilder
Der Prozess steht exemplarisch für den Wandel der gesamten KI-Branche.
Lange konzentrierte sich die Debatte vor allem auf die Frage, ob KI-Modelle urheberrechtlich geschützte Inhalte zum Training verwenden dürfen. Nun rückt eine zweite Frage immer stärker in den Mittelpunkt: Wie transparent müssen Unternehmen ihre eigene KI-Nutzung dokumentieren?
Gerade Discovery-Verfahren könnten künftig dazu führen, dass Trainingsmethoden, interne Richtlinien, Governance-Prozesse und Dokumentationen stärker zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen werden.
Damit gewinnt die Dokumentation von KI-Systemen erheblich an Bedeutung.
Was Unternehmen daraus lernen können
Unabhängig vom Ausgang des Prozesses liefert der Fall bereits heute wichtige Erkenntnisse.
Unternehmen sollten nachvollziehbar dokumentieren können, welche KI-Modelle eingesetzt werden, auf welcher Rechtsgrundlage Daten verarbeitet werden, welche Richtlinien gelten und wie menschliche Kontrolle organisiert ist.
Vor allem größere Organisationen verfügen inzwischen über zahlreiche KI-Anwendungen in unterschiedlichen Abteilungen. Ohne zentrale Governance wird es zunehmend schwierig, im Streitfall belastbar nachzuweisen, welche Systeme wie eingesetzt werden.
Der Midjourney-Fall zeigt, dass KI-Governance längst nicht mehr nur ein Compliance-Thema ist. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Faktor, der im Ernstfall auch vor Gericht eine Rolle spielen kann.
Ein Verfahren mit Signalwirkung
Der Rechtsstreit zwischen Midjourney und den großen Hollywood-Studios wird sich voraussichtlich noch über längere Zeit hinziehen. Schon heute zeigt sich jedoch, dass es längst nicht mehr ausschließlich um einzelne Bilder oder bekannte Filmfiguren geht.
Der eigentliche Konflikt betrifft die Spielregeln der generativen KI.
Wie weit reicht die Offenlegungspflicht in KI-Verfahren? Welche Informationen gelten als schützenswerte Geschäftsgeheimnisse? Und wie viel Transparenz dürfen Gerichte verlangen, wenn Unternehmen sich gegenseitig Verstöße im Umgang mit generativer KI vorwerfen?
Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur für Midjourney oder Hollywood relevant sein. Sie könnten künftig auch prägen, wie Softwareunternehmen, Verlage, Medienhäuser und andere Organisationen ihre KI-Systeme dokumentieren und absichern müssen.

