Am 23. Juni begrüßten die Bayerische Landesmedienanstalt und die Medientage rund 200 Gäste zum Deutschen Social TV Summit 2016 im Literaturhaus in München. Die Medienbranche befindet sich im Wandel. Mit dem Social Web und neuen Erwartungen des digitalen Rezipienten müssen sich alle Mediengattungen neu erfinden. Lineare Angebote reichen nichtmehr, digitale Markenführung und Transformation rücken in der Vordergrund und erfordern ein Handeln der Akteure. Als Medienmensch und Digitaler ein spannendes Thema, das ich mir nicht entgehen lassen konnte.

Bertram Gugel, Video Experte, gugelproductions

Wer jetzt überlegt, ob es wirklich so dringenden Handlungsbedarf bei den Fernsehsendern gibt, den holen die Zahlen, die Bertram Gugle, der Gründer von gugelproductions, in seiner Eröffnungsrede aufrief sofort zurück auf den Boden der Tatsachen. Nur sieben der Top 100 Facebook-Seiten in Deutschland werden von TV-Sendern belegt. Dabei kann man nicht sagen, dass es die Sender nicht versuchen in die digitale Welt vorzudringen, sie finden nur häufig nicht ihre Strategie und ihre Viewer-Touchpoints im digitalen Labyrinth des Social Web. Um einen roten Faden durch die Irrungen und Windungen der Plattformen zu ziehen, luden die Veranstalter namhafte Gäste auf das Podium ein, die alle eines gemeinsam hatten – sie haben ihren Weg auf die eine oder andere Weise bereits gefunden. Einen Weg, den sie mit den Anwesenden teilen wollten.

Neue Content-Strategien in der digitalen Welt

Den Start machte ein Medienveteran, der gerade in der letzten Zeit von sich reden machte: Claus Strunz. Ich hatte bereits vor vielen Jahren, während meines Studiums, das Vergnügen ihn persönlich in Hamburg kennen zu lernen und auch bei seiner Keynote auf dem Social TV Summit zeigte er dieselbe Innovationskraft und Begeisterung für seine Themen, mit der er mich schon damals begeistert hat. Seine Mission, um kurz vor 11 Uhr, war es, zu zeigen, was ein erfolgreicher digitaler Content braucht. Kreativität in der Aufbereitung der Inhalte ist heute gefragt, denn eine 1:1 Kopie des Leitmediums lockt nur wenige der digitalen Nutzer auf die Kanäle der Sender. Als Geschäftsführer des Bereiches TV- und Videoproduktionen bei Axel Springer konnte er von den Erfahrungen des Traditionsverlags berichten.

 

„Social TV ist nicht nur ein Marketing Tool, es ist auch eine Schmiede für neue Formate“ – Claus Strunz

 

Claus Strunz, Geschäftsführer des Bereiches TV- und Videoproduktionen bei Axel Springer

Aus seiner Erfahrung entwickelte er ein Content-Regelwerk, welches dazu dienen soll, in der digitalen Welt Aufmerksamkeit zu generieren:

  1. Aktuelles Thema: Es braucht einen aktuellen Aufhänger, so kann man schneller und besser Inhalte bei der richtigen Zielgruppe platzieren
  2. Plattform gerecht erzählen: Jede Plattform, ob Facebook, YouTube oder Snapchat, hat seine eigenen Regeln und Anforderungen was den Inhalt und das Format angeht.
  3. Klare und streitbare Meinung: Mit braven Themen erzielt man keine virale Aufmerksamkeit, gerade die streitbaren Meinungen oder Diskussionsthemen feuern das Netz und die Konversation im Web an. Im Positiven, wie im Negativen.
  4. Kopf hält Kopf hin: Journalismus soll objektiv sein, erfolgreiches Content Marketing benötigt jedoch häufig eine Person die, wenn auch subjektiv, durch das Geschehen führt. Der Absender ist Moderator, Angreifer und Angegriffener in einer Person.

 

Schnell kommt es einem dieses Content-Modell bekannt vor, besonders wenn man sich mit den verschiedenen Mediengattungen beschäftigt hat. Ähnliche Regeln wendet der Boulevardjournalismus seit Jahren an. Vielleicht, so Strunz, genau der Grund wieso BILD so erfolgreich mit ihrem digitalen Geschäftsmodell ist; sie machen das was sie immer tun, nur auf einem anderen Kanal. Ein Aufruf an alle Anwesenden folgte auch: sie sollen etwas mehr aus sich heraus gehen und dem Springer-Grundsatz, den sie seit Silicon Valley adaptiert haben, folgen: „Mit Try and Error zum Erfolg“.

 

Neue Kanäle für eine neue Zeit

Im darauf folgenden Diskussions-Panel waren sich auch alle einig, die Fernsehsender haben die letzten Jahre geschlafen. Die sozialen Medien sind mittlerweile zu disruptiv, schnell und omnipräsent, um sich problemlos in ein klassisches Geschäftsmodell einzufügen. Die Sender müssen Strategien finden, um sich zu adaptieren oder die Konsequenzen daraus ziehen…

 

Waren die Zuschauer nach der Diskussion möglicherweise von der These „Für mich und meine Zielgruppe ist Facebook tot und nicht mehr relevant.“ irritiert, schockte der Vortrag von Martin Wittmacher noch mehr. Der Country Manager DACH bei Zoomin.TV Deutschland prophezeite den Untergang der Homepage. Die neuen Kanäle des Multichannels, seien es Apps, soziale Medien oder die mobilen Technologien im Gesamten, machen die klassische Webseite überflüssig. Neue Player am Markt, wie beispielsweise Snapchat, werden dafür immer relevanter für die Zielgruppe und damit für die Produzenten.

 

„Hauptsache unser Content kommt an.“, Martin Wittmacher

 

Carsta Maria Müller, Senior Social Innovation Manager, ProSiebenSat.1 Digital

Auf dem Social TV Summit 2016 waren Live Videos und Snaptchat eines der Schlüsselthemen des Jahres. Wie man das Instrument des „Live-Content“ optimal nutzen kann, zeigten Vertreter des FC Bayern und der ProSiebenSat.1 Gruppe. Besonders Carsta Maria Müller von Pro7 führte beeindruckend aus, wie vielschichtig die neue Plattform sein kann und ging auf ihre Keylearnings ein, aus denen sie zog, dass man jede neue Plattform auch probieren sollte, jedoch nicht einfach darauf losschießen kann und hofft die Zielgruppe zu treffen. Es braucht eine ausgereifte digitale Strategie, bei der man  nicht nur seine Zuschauer und das Profil des eigenen Hauses sehr gut kennen sollte, auch die Plattform muss gelernt und gelebt werden – und das auf allen Mitarbeiterstufen des Unternehmens.

 

In der nächsten Podiumsdiskussion beschäftigten sich Thore Schölermann, TV-Moderator, Martin Heller (Welt und N24) und Christian Grospitz (Bunte) mit der Frage, wie man Nutzer in einer digitalen Welt noch binden und fesseln kann. Ihr Fazit: es muss gelernt werden:

 

„Wir haben es verpasst, die Kiddies haben es gerockt.“, Martin Heller

 

Inspirierende Best Practice Beispiele aus dem Social TV

Bill Browning von Sky Deutschland brachte in seinem Vortrag James Bond, Star Wars und Game of Thrones auf die Bühne und davor in die Fernseher und Computer der Zuschauter weltweit. Auch wenn die Leser ihn vielleicht nicht namentlich kennen, sind sie gegebenenfalls über eine seiner viralen Kampagnen gestoßen. Besonders seine Star Wars Kampagne aus dem Jahr 2014 international für Aufsehen und Ansehen:

Sehr teuer wären die Produktionen nicht gewesen, so Browning, man müsste nur kreative Ideen haben und wirklich viel Mut.

 

„You don’t need HD or 4k – everyone in this room can be successful on social media“, Bill Browning

 

Der Deutsche Social TV Summit 2016 war nicht nur Plattform neuer Inhalte und interessanter Diskussionen, sondern auch voller Erfolgsgeschichten. So präsentierte Christian Nienaber, Bereichsleiter Digital bei RTL II, ihren neuesten Erfolg im Social TV, RTL II You und überzeugte mit einem jungen, innovativen Format, der dem digitalen Buzz gerecht wurde. Matthias Mehner, Head of Social Media bei der ProSiebenSat.1 AG, Tobias Schiwek, Head of Ventures bei UFA LAB und Lukas Menzel, Chefredakteur von Broadmark.de diskutierten über ihre Erfahrungen und Erfolge in der Digitalisierung ihres Geschäftsmodells. Viviane Wilde, Creative Strategist bei Convidera beeindruckte danach mit ihrem interessanten Vortrag zur digitalen Strategie Vodafone mit der Kampagne „Gadgets Inspectors“. Dieser Case zeigte perfekt auf, wie Content Marketing im Internet heute funktionieren muss.

Viviane Wilde, Creative Strategist bei Convidera

Vor dem Fazit folgte noch die humorvolle Abrundung durch Jörg Sprave vom Slingshot Channel, der von seinen viralen Hits berichtete, das Publikum zum Lachen brachte und sein Erfolgsrezept mit den Zuschauern teilte: „Inventions. Distractions. Stunts.“

 

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:

 

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