KI ist im Studium zur Normalität geworden – doch die Hochschulen kommen kaum hinterher

Künstliche Intelligenz ist an deutschen Hochschulen längst kein Zukunftsthema mehr. Für die überwiegende Mehrheit der Studierenden gehört sie inzwischen zum Alltag – beim Recherchieren, Lernen, Schreiben oder Programmieren. Der neue CHE DatenCHECK „Künstliche Intelligenz im Studium“ macht deutlich, wie tief KI bereits in den Studienalltag integriert ist. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung eine wachsende Lücke zwischen der tatsächlichen Nutzung durch Studierende und den Angeboten der Hochschulen.

Die Botschaft des Berichts ist eindeutig: Die Frage lautet längst nicht mehr, ob Studierende KI verwenden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, wie Hochschulen mit dieser neuen Realität umgehen.

Mehr als vier von fünf Studierenden nutzen KI regelmäßig

Für den aktuellen DatenCHECK wurden im Wintersemester 2025/26 insgesamt 28.584 Studierende an 194 Hochschulen in Deutschland sowie acht Hochschulen in Österreich befragt. Damit gehört die Untersuchung zu den bislang umfangreichsten Erhebungen über den Einsatz generativer KI im Hochschulbereich.

Die Ergebnisse zeigen, wie selbstverständlich KI inzwischen genutzt wird. Rund 81 Prozent der Studierenden arbeiten mindestens einmal pro Woche mit KI-Anwendungen, fast jede zweite befragte Person sogar täglich. Lediglich 2,4 Prozent geben an, generative KI überhaupt nicht zu verwenden.

Diese Zahlen verdeutlichen vor allem eines: Generative KI ist nicht länger ein Werkzeug für technikaffine Studierende oder einzelne Fachrichtungen. Sie hat sich zu einem festen Bestandteil akademischer Arbeit entwickelt.

Recherche bleibt der wichtigste Anwendungsfall

Am häufigsten setzen Studierende KI ein, um sich einen schnellen Überblick über neue Themen zu verschaffen oder allgemeine Recherchen durchzuführen. Statt ausschließlich Suchmaschinen oder klassische Fachliteratur zu nutzen, dient generative KI zunehmend als erster Einstieg in komplexe Fragestellungen.

Darüber hinaus wird KI intensiv für Brainstorming, Ideenentwicklung und als persönlicher Lernpartner verwendet. Viele Studierende lassen sich Inhalte erklären, Zusammenhänge vereinfachen oder alternative Lösungswege aufzeigen. Die Systeme übernehmen damit immer häufiger die Rolle eines individuell verfügbaren Tutors.

In technischen Studiengängen kommen zusätzlich Programmierhilfen, Code-Erstellung und Fehleranalyse hinzu. Gerade hier verändert KI bereits heute die Art, wie Studierende lernen und arbeiten.

Zwischen Alltag und Hochschullehre klafft eine Lücke

Während die Nutzung rasant zunimmt, fällt das Urteil über die Hochschulen deutlich verhaltener aus.

Die Vermittlung von KI-Kompetenzen bewerten die Studierenden im Durchschnitt lediglich mit 3,3 von fünf möglichen Sternen. Für viele reicht das Angebot offenbar nicht aus, um den tatsächlichen Anforderungen im Studienalltag gerecht zu werden.

Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich zusätzliche Lehrangebote rund um den sinnvollen Einsatz künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig fordern rund 70 Prozent klare Regeln zum verantwortungsvollen Umgang mit KI, insbesondere in den Bereichen Datenschutz, wissenschaftliche Integrität und ethische Fragestellungen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende nicht nur mehr Technologie erwarten. Sie wünschen sich vor allem Orientierung.

Nicht jedes Fach nutzt KI gleich intensiv

Der DatenCHECK macht zugleich deutlich, dass sich der KI-Einsatz je nach Studienfach erheblich unterscheidet.

Besonders hoch ist die regelmäßige Nutzung in wirtschaftsnahen und technischen Studiengängen. In Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftspsychologie, Wirtschaftsingenieurwesen und Betriebswirtschaft verwenden jeweils mehr als 90 Prozent der Studierenden KI regelmäßig.

In Rechtswissenschaft und Sozialer Arbeit liegen die Werte zwar spürbar niedriger, dennoch nutzt auch dort die Mehrheit generative KI.

Mindestens ebenso interessant sind die unterschiedlichen Einsatzgebiete. Während Wirtschaftsinformatik KI besonders häufig beim Programmieren oder der Softwareentwicklung nutzt, greifen Studierende der Rechtswissenschaft insgesamt deutlich seltener auf entsprechende Werkzeuge zurück.

Der Bericht zieht daraus eine wichtige Schlussfolgerung: KI-Kompetenzen sollten nicht nach dem Gießkannenprinzip vermittelt werden. Unterschiedliche Fachrichtungen benötigen unterschiedliche Konzepte und Lehrformate.

Die Diskussion über Prüfungen bleibt offen

Besonders differenziert fällt die Haltung zur Nutzung von KI bei Prüfungsleistungen aus.

Fast die Hälfte der Studierenden befürwortet grundsätzlich den Einsatz generativer KI bei Hausarbeiten oder Referaten. Rund ein Drittel lehnt dies eher ab, während knapp ein Viertel noch unentschlossen ist.

Auch hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Fachrichtungen. Studierende der Rechtswissenschaft stehen einer Nutzung deutlich kritischer gegenüber als beispielsweise Studierende der Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftspsychologie.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Hochschulen künftig stärker zwischen unerlaubter Täuschung und einem sinnvollen Einsatz digitaler Werkzeuge unterscheiden müssen. Eine pauschale Verbotsstrategie dürfte den tatsächlichen Arbeitsweisen vieler Studierender kaum noch gerecht werden.

Die eigentliche Herausforderung heißt KI-Kompetenz

Bemerkenswert ist, dass der Bericht nicht primär die Nutzung von KI problematisiert.

Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, welche Kompetenzen Studierende künftig benötigen, um KI verantwortungsvoll, kritisch und fachlich sinnvoll einzusetzen.

Dazu gehört weit mehr als das Schreiben guter Prompts. Bewertet werden müssen Quellen, Ergebnisse und mögliche Fehler ebenso wie Datenschutz, Urheberrecht, Transparenz und wissenschaftliche Integrität.

Generative KI verändert damit nicht nur Werkzeuge, sondern auch die Anforderungen an akademisches Arbeiten selbst.

Vergleiche mit dem Vorjahr nur eingeschränkt möglich

Bereits im Wintersemester 2024/25 hatte das CHE die KI-Nutzung untersucht. Damals nutzten rund 65 Prozent der Studierenden generative KI regelmäßig, etwa ein Viertel sogar täglich.

Die aktuelle Erhebung zeigt einen deutlichen Anstieg. Gleichzeitig weisen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich darauf hin, dass direkte Vergleiche nur eingeschränkt möglich sind. Hintergrund sind Veränderungen in der Zusammensetzung der untersuchten Studiengänge, die die Ergebnisse beeinflussen können.

Unabhängig davon lässt sich jedoch ein klarer Trend erkennen: Die Verbreitung generativer KI nimmt weiterhin rasant zu.

Vom Werkzeug zur Grundkompetenz

Die Ergebnisse des DatenCHECK zeigen einen grundlegenden Wandel.

Noch vor wenigen Jahren wurde diskutiert, ob Studierende überhaupt mit ChatGPT oder anderen KI-Systemen arbeiten sollten. Heute stellt sich eine andere Frage: Welche Fähigkeiten benötigen sie, um diese Werkzeuge kompetent und verantwortungsvoll einzusetzen?

Damit verändert sich auch die Rolle der Hochschulen. Sie müssen nicht mehr entscheiden, ob KI Teil des Studiums sein soll, sondern wie sie sinnvoll in Lehre, Prüfungen und Curricula integriert werden kann.

Der Umgang mit künstlicher Intelligenz entwickelt sich zunehmend zu einer akademischen Grundkompetenz – vergleichbar mit wissenschaftlichem Schreiben, Recherche oder dem sicheren Umgang mit digitalen Informationsquellen.

Die Hochschulen stehen vor einem Strategiewechsel

Für Hochschulen ist der aktuelle CHE DatenCHECK deshalb weit mehr als eine Momentaufnahme. Er zeigt, dass generative KI den Studienalltag bereits grundlegend verändert hat, während viele institutionelle Strukturen noch aus einer Zeit stammen, in der diese Werkzeuge kaum eine Rolle spielten.

Künftig dürfte es nicht mehr ausreichen, einzelne Leitlinien oder Empfehlungen zu veröffentlichen. Gefragt sind durchdachte Strategien für Kompetenzvermittlung, Prüfungsformate, Governance, Datenschutz und den verantwortungsvollen Einsatz generativer KI.

Die eigentliche Botschaft der Studie lautet deshalb nicht, dass Studierende immer häufiger KI nutzen.

Sie lautet vielmehr, dass Hochschulen ihre Lehre an eine Realität anpassen müssen, die auf den Campus längst angekommen ist.

Alexander Pinker
Alexander Pinkerhttps://www.medialist.info
Alexander Pinker ist Innovation-Profiler, Zukunftsstratege und Medienexperte und hilft Unternehmen, die Chancen hinter Technologien wie künstlicher Intelligenz für die nächsten fünf bis zehn Jahre zu verstehen. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens „Alexander Pinker – Innovation-Profiling“, der Agentur für Innovationsmarketing "innovate! communication" und der Nachrichtenplattform „Medialist Innovation“. Außerdem ist er Autor dreier Bücher und Dozent an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

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