OpenAI verwandelt ChatGPT in eine Plattform. Mit dem neuen App Directory und dem Apps SDK können Entwickler erstmals vollwertige Anwendungen direkt in den Chat integrieren – von Spotify-Playlists bis zu Buchungssystemen. Ein Schritt, der ChatGPT vom Chatbot zum Betriebssystem macht.
Es begann mit einer simplen Idee: Was wäre, wenn man nicht mehr zwischen Apps wechseln mĂĽsste, sondern einfach im Chat sagen könnte, was man will? „Spotify, mach mir eine Party-Playlist.“ „Canva, verwandle diese Stichpunkte in eine Präsentation.“ „Zillow, zeig mir Wohnungen in meiner Preisklasse.“ Im Dezember 2025 wurde aus dieser Idee Realität. OpenAI hat das App Directory innerhalb von ChatGPT freigeschaltet – einen App Store, der nicht auf dem Homescreen lebt, sondern im Gespräch selbst. Apps sind keine separaten Programme mehr, die man öffnet und bedient, sondern interaktive Experiences, die sich per natĂĽrlicher Sprache steuern lassen und deren Oberfläche direkt im Chat erscheint. ChatGPT wird damit zur Plattform, und die Konversation zur Benutzeroberfläche.
Das App Directory ist seit Mitte Dezember 2025 fĂĽr ChatGPT Plus, Team und Enterprise auf Web, iOS und Android verfĂĽgbar. Nutzer finden es unter „Tools“ oder in der Sidebar, organisiert in Kategorien wie Featured, Lifestyle und Productivity. Was zuvor „Connectors“ hieĂź – lose VerknĂĽpfungen zu Drittdiensten – sind nun vollwertige Apps mit eigener Logik, eigenem Backend und eigener Benutzeroberfläche. Zum Start sind Partner wie Booking.com, Expedia, Spotify, Figma, Coursera, Zillow, Canva, Apple Music, Google Drive, Dropbox und DoorDash dabei. Weitere Dienste fĂĽr Mobilität, Shopping und Freizeit – darunter Uber, Instacart, OpenTable und AllTrails – sind angekĂĽndigt. Die Botschaft ist klar: ChatGPT soll zur zentralen Schnittstelle werden, ĂĽber die man auf digitale Services zugreift, ohne je die Chat-Oberfläche zu verlassen.
Die Funktionsweise ist elegant. Apps können per Name direkt im Chat angesprochen werden: „Spotify, mach eine Party-Playlist“, „Canva, mach aus diesem Outline ein Deck“. Beim ersten Aufruf erscheint ein Dialog zur KontoverknĂĽpfung – ein OAuth-Flow, der Berechtigungen wie Zugriff auf Playlists oder Dateien freigibt. Danach läuft die App im Chat. ChatGPT kann Apps auch kontextuell vorschlagen: Wer ĂĽber Wohnungssuche spricht, bekommt Zillow angeboten, wer eine Präsentation plant, sieht Canva. Die Oberfläche der App – Karten, Slider, Player, interaktive Elemente – wird inline im Chat angezeigt. Man generiert eine Canva-Präsentation, sieht sie im Chat, sagt „mach die zweite Folie bunter“, und die Ă„nderung passiert sofort. Die Grenze zwischen Konversation und Anwendung verschwindet.
Technisch basieren die Apps auf dem Apps SDK, das OpenAI als Open Source veröffentlicht hat. Das SDK setzt auf dem Model Context Protocol auf und definiert Logik und UI einer App. Es ermöglicht sichere API-Connectoren fĂĽr Echtzeitdaten, eigene In-Chat-Widgets, Zustandsverwaltung und vollständige OAuth-Integration. Entwickler können Apps lokal testen – es gibt einen Developer Mode und Beispiel-Repositories wie das „Pizza App“-Tutorial – und sie später ĂĽber ein Developer-Portal zur PrĂĽfung einreichen. OpenAI hat Developer Guidelines veröffentlicht, die Qualitäts-, Sicherheits- und UX-Kriterien festlegen. Apps, die diesen Standards entsprechen, werden im Directory gelistet und können in Gesprächen prominent vorgeschlagen werden. Apps mit Verstößen gegen Richtlinien, Sicherheit oder Missbrauch werden abgelehnt oder entfernt. Es ist ein kuratiertes Ă–kosystem, kein Wildwuchs.
Wichtig ist die Abgrenzung zum GPT Store, den OpenAI bereits im Januar 2024 gelauncht hat. Der GPT Store ist ein Marktplatz fĂĽr Custom GPTs – konfigurierbare ChatGPT-Varianten, die im Builder ohne Code erstellt werden und als spezialisierte Assistenten fungieren. Apps dagegen sind code-basierte Integrationen mit eigener Backend-Logik und UI, die via Apps SDK gebaut werden und als „richtige“ Anwendungen im Chat laufen. Beide Ă–kosysteme koexistieren: Custom GPTs fĂĽr schnelle, persona-artige Assistenten, Apps fĂĽr tief integrierte Workflows, Datenzugriffe und Aktionen wie Buchungen, Käufe oder Dateiverwaltung. Der GPT Store ist fĂĽr Creator, die Wissen und Persönlichkeit teilen wollen. Das App Directory ist fĂĽr Entwickler, die Services einbetten wollen.
Die Monetarisierung ist noch im Aufbau. Für den GPT Store existiert ein experimentelles Revenue-Sharing-Programm – ein nutzerbasiertes Payout für ausgewählte Creator, dessen genaue Bedingungen bislang begrenzt transparent sind. Für Apps kündigt OpenAI an, später einen Monetarisierungsrahmen einzuführen, möglicherweise mit In-App-Käufen und Transaktions-Flows. Details sollen mit dem breiten Rollout 2026 folgen. Kurzfristig steht im Fokus, dass Marken ihre bestehenden SaaS-Abos via OAuth integrieren und ChatGPT als Konversations-UI über ihren Services nutzen, ohne dass die Abrechnung primär über OpenAI läuft. Es geht weniger um einen neuen Zahlungskanal als um eine neue Zugangsschicht – ChatGPT als Frontend für bestehende Geschäftsmodelle.
Für Unternehmen und Marken eröffnet das neue Möglichkeiten. Mit dem Apps SDK können sie eigene Services direkt in ChatGPT einbetten – Produktfinder, Buchungs-Flows, Support-Portale oder interne Business-Tools. Use-Cases reichen von Product Discovery über Self-Service-Support bis zu B2B-Workflows wie ERP-, CRM- oder BI-Integrationen. Für Enterprise-Kunden von ChatGPT wird ein Rollout der Apps-Funktion inklusive Governance-Optionen angekündigt – App-Whitelisting, Blocking, Kontrolle darüber, welche Drittdienste Mitarbeiter nutzen dürfen. ChatGPT wird damit nicht nur zur Consumer-Plattform, sondern zur Enterprise-Infrastruktur, über die Unternehmen ihre eigenen Systeme zugänglich machen.
Die strategische Dimension ist bemerkenswert. OpenAI positioniert ChatGPT nicht mehr als Tool, sondern als Plattform – vergleichbar mit dem iPhone, das mit dem App Store zum Ökosystem wurde. Die Parallele ist gewollt. Wie Apple mit iOS die Schnittstelle zwischen Nutzer und digitalem Leben kontrolliert, will OpenAI mit ChatGPT die Schnittstelle zwischen Nutzer und Services kontrollieren. Der Unterschied: Die Schnittstelle ist nicht ein Grid aus Icons, sondern eine Konversation. Apps verschwinden im Hintergrund, die Interaktion wird natürlichsprachlich, und ChatGPT wird zur unsichtbaren Schaltzentrale, die entscheidet, welche App wann vorgeschlagen wird, welche Daten fließen, welche Aktionen ausgeführt werden.
Das wirft Fragen auf. Wer kontrolliert die Sichtbarkeit von Apps im Chat – OpenAI oder der Nutzer? Wie transparent ist der Algorithmus, der Apps kontextuell vorschlägt? Was passiert mit den Daten, die zwischen ChatGPT, dem Nutzer und der App fließen? OpenAI betont OAuth-Sicherheit und Nutzer-Kontrolle, doch die Architektur bedeutet, dass ChatGPT zum Intermediär wird – zwischen Nutzer und Spotify, zwischen Nutzer und Canva, zwischen Nutzer und jeder anderen App. Das ist Macht. Und wie bei jeder Plattform stellt sich die Frage, ob die Regeln fair sind, ob kleine Entwickler dieselben Chancen haben wie Launch-Partner, ob Monetarisierung transparent läuft.
Für Entwickler ist das Apps SDK eine Chance und eine Wette. Die Chance: Zugang zu Millionen ChatGPT-Nutzern, eine neue Vertriebsschicht, die Möglichkeit, Services dort anzubieten, wo Nutzer bereits sind – im Chat. Die Wette: Dass OpenAI die Plattform offen hält, dass die Regeln stabil bleiben, dass Monetarisierung funktioniert. Die Geschichte von Plattformen zeigt, dass frühe Entwickler oft profitieren, später aber Plattform-Betreiber die Bedingungen verschärfen, eigene Konkurrenz-Apps launchen oder Margen erhöhen. OpenAI verspricht Offenheit – das SDK ist Open Source, die Guidelines sind öffentlich. Doch die Kontrolle über das Directory, über Sichtbarkeit und Empfehlungen, liegt bei OpenAI.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich die Architektur digitaler Services fundamental verschiebt. Apps werden zu Modulen, die in Konversationen eingebettet sind. Die Benutzeroberfläche wird Sprache. Und Plattformen wie ChatGPT werden zu Betriebssystemen, die entscheiden, wie wir auf digitale Dienste zugreifen. Der App Store im Chat ist nicht nur ein Feature. Er ist ein Paradigmenwechsel – von Apps, die wir öffnen, zu Apps, die wir ansprechen. Von Oberflächen, die wir bedienen, zu Oberflächen, die uns verstehen. Und von Plattformen, die Werkzeuge anbieten, zu Plattformen, die Gespräche orchestrieren. ChatGPT ist nicht mehr nur ein Chatbot. Es ist ein Ökosystem. Und das Gespräch ist die neue Benutzeroberfläche.
Beitragsbild Copyright: OpenAI

